Schreiben kann die Welt nicht retten, doch dich vielleicht …

Obwohl ein Lehrender in meiner Poesie- und Bibliotherapieausbildung gesagt hat, dass wir mit unserem Tun Friedensarbeit leisten, ist trotzdem Fakt, dass Schreiben keine Kriege verhindert, den Klimawandel nicht stoppt und keine Krankheiten heilt. Und dass diese Welt beängstigend und bedrohlich wirken kann, vor allem, weil unser Smartphone uns mit allen Nachrichten der Welt überschüttet, mit allem Elend und Unmenschlichem, sodass wir hilflos erstarren und im schlimmsten Fall auch unsere Lebensenergie nicht mehr anzapfen können.

Schreiben kann die Welt natürlich nicht retten, doch es kann uns selbst unterstützen, uns wieder zu verorten und zu erden, um innerlich stabil und stark den Stürmen des Lebens zu begegnen.

Selbstreflexives Schreiben kann nämlich:
❤️ Chaos ordnen (klassische Morgenseiten etwa)
❤️ Gefühle benennen (name it to tame it)
❤️ Erfahrungen bezeugen („so ist es gewesen“)
❤️ Erinnerungen festhalten (Tipp: One-Sentence-a-Day-Diary)
❤️ Schmerz eine Form geben (lernen, sich selbst ernst zu nehmen und liebevoll trösten zu können)
❤️ Stabilität und Sicherheit schenken (Dankbarkeitsjournal, Erfolgstagebuch, …)
❤️ Handlungsfähigkeit schenken (Stichwort: nächste Schritte skizzieren und ins Tun kommen)
❤️ einen inneren Dialog ermöglichen (wertvolle Perspektivenwechsel, vor allem bei körperlichen Beschwerden oder bei emotionalen Verknotungen)

Schreiben macht auf so viele Arten die von außen bedrohliche Wirklichkeit wieder bewohnbar, weil wir unterschiedliche Emotionsebenen durchschreiten und uns wieder erden können.

Schreiben darf so vieles sein, wenn du es zulässt: Ein Archiv deiner Lebenserinnerungen, eine ruhige Zeitinsel in einem hektischen Alltag, ein Richtungskompass, wenn du gerade nicht weiterweißt, eine Werkstatt für dein zukünftiges Wirken oder eine Taschenlampe (und je geübter du bist: Flutlicht) in dunklen Zeiten. Handschriftliches Schreiben ist auch ein Widerstand gegen die fortschreitende Beschleunigung unseres Alltags, denn allein die Tatsache, dass wir uns beispielsweise zehn Minuten lang unseren Gedanken widmen, ist heute beinahe ein Akt der Unangepasstheit. Schreiben ist idealerweise ein Akt der liebevollen Selbstbegegnung, eine Selbstumarmung, die sagt: „Du bist gut so, wie du bist. Du schaffst alles, was du dir vorgenommen hast. Ich bin immer für dich da.“

Schreibvorschläge

Was trägt mich gerade?

Schreibe fünf Minuten lang den Satzanfang immer wieder: „Gerade jetzt trägt mich …“ Ergänze spontan, was auftaucht: Menschen, Gewohnheiten, Gerüche, Orte, Fähigkeiten, Erinnerungen, Gegenstände oder kleine Rituale.

Die Hand, die mich hält

Lege deine Hand auf ein Blatt Papier und umfahre ihre Kontur. Schreibe in jeden Finger etwas, das dir in schwierigen Zeiten hilft, zum Beispiel:
❤️ ein Satz
❤️ ein Mensch
❤️ eine Tätigkeit
❤️ ein Ort
❤️ eine Eigenschaft von dir

Anschließend betrachte die Hand und schreib dazu, wie viel Kraft und Zuversicht du plötzlich innerlich spüren darfst.

Schreiben als Rettungsring

Vervollständige die folgenden Sätze, ohne lange nachzudenken:
❤️ Schreiben rettet mich, weil …
❤️ Schreiben erinnert mich daran, dass …
❤️ Schreiben gibt mir die Möglichkeit, …
❤️ Beim Schreiben darf ich …
❤️ Nach dem Schreiben fühle ich mich …

Lies dir anschließend deine Antworten laut vor und markiere einen Satz, der dich besonders berührt.

Ein Brief an mein erschöpftes Ich

Stell dir vor, ein erschöpfter Teil von dir sitzt dir gegenüber. Schreibe ihm einige berührende und bestärkende Zeilen: Beginn mit der Grußformel und schreib dir selbst, als wärst du deine eigene beste Freundin. Vergiss nicht auf die liebevolle und bestärkende Abschiedsformel!

Fazit

Natürlich dreht sich die Welt nach dem Schreiben weiter wie zuvor. Die Termine warten noch immer, die Herausforderungen sind nicht verschwunden, und manche Fragen bleiben vorerst unbeantwortet. Doch oft hat sich etwas Wesentliches verändert: unser Blick auf das, was ist.

Schreiben schafft einen kleinen Raum zwischen uns und dem, was uns belastet. Gedanken, die zuvor kreisten, finden Worte. Gefühle, die diffus und überwältigend waren, bekommen Konturen. Und manchmal entdecken wir zwischen den Zeilen etwas, das wir beinahe vergessen hatten: unsere eigene (so starke und weise!) Stimme, unsere Haltung, unsere Kraft.

Wir können die Umstände oft nicht verändern. Doch wir können unsere Position darin stärken – spüren, was uns wichtig ist, was uns trägt und welchen nächsten kleinen Schritt wir gehen möchten. Schreiben ordnet nicht nur Gedanken, sondern erinnert uns daran, dass wir mehr sind als das, was uns gerade beschäftigt oder bedrückt.

Vielleicht ist das eine der größten Wirkungen des Schreibens: Es rettet uns nicht vor dem Leben, aber es kann uns zu uns selbst zurückführen. Und von dort aus lässt sich vieles leichter tragen.

Probier es aus. Schon fünf bis zehn Minuten können einen signifikanten Unterschied machen. Bei Fragen oder wenn du deine Erfahrungen teilen möchtest, freue ich mich über eine Nachricht an info@britta-badura.com. Solltest du allerdings merken, dass es dir momentan wirklich schlecht geht, hol dir unbedingt professionelle Hilfe!

Viele stärkende Schreibübungen findest du auch in meinem Buch „100 Schreibglücksmomente im punktgenau Verlag. In meinen Workshops findest du ebenfalls Erdung im Schreiben – probier es mal aus!

PS: Hier habe ich weitere sieben Schreibstrategien in stürmischen Zeiten für dich zusammengefasst.

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