Als ich so alt war wie meine Kinder jetzt

Meine Kinder sind 15 und bald 17 Jahre alt. Als ich so alt war, hatte ich folgende einschneidende Erlebnisse erlebt, an die ich mich prägend erinnere:
Als 6-jährige Tschernobyl, den Fall der Berliner Mauer 1990 und die Scheidung meiner Eltern 1991 (da war ich elf Jahre alt).

Die damalige Welt sowie die Kommunikationsmöglichkeiten waren überschaubar:
Wir hatten einen Festnetz-Viertelanschluss bis in die späten Achtziger Jahre, meine erste E-Mail-Adresse installierte mir mein damaliger Freund, als ich 15 war, und mein erstes Handy, ein blaues Klapphandy von Ericson, besaß ich als 19-jährige.

Als ich so alt war wie meine Kinder jetzt, hieß der Präsident der Vereinigten Staaten Bill Clinton, es gab weder einen War against Terror noch mühsame Sicherheitskontrollen am Flughafen. Überhaupt gab es in meiner Erinnerung nicht so viel Wahnsinn, wie es heute den Anschein hat – zumindest flutete keine einzige Internetseite irgendwelche Informationen in meine Tage (und Nächte).

Bei meinen Kindern ist das gänzlich anders gelagert:
Ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie 6 bzw. 7 waren – und zwei Jahre später mussten sie sich in eine siebenköpfige Patchworkfamilie und neue Hierarchieverhältnisse eingrooven. Der erste Lockdown erwischte sie im Alter von 9 bzw. 10 Jahren. Der Ukraine-Krieg sowie Trump als Präsident der mächtigsten Nation der Welt machen ihnen Angst – seit Jahren. 2025 erschoss ein junger Mann in einem Grazer Gymnasium Schüler*innen und eine Lehrerin. Als meine Kinder an diesem Tag nach Hause kamen, hatten sie auf ihren Smartphones sowohl die (falsche) Information erhalten, dass ein zweiter Attentäter in der Nähe des Bahnhofs unterwegs sei, den Namen des mutmaßlichen Attentäters als auch Videos von den Schüssen – und ich konnte sie nicht davor schützen (so wie vor dem ganzen restlichen Müll, den sie tagtäglich aufs Smartphone gespült bekommen).

Die Ereignisse der letzten Jahre scheinen sich nicht nur zu überschlagen, sondern sie dringen sekündlich (und oft bedrohlich) in unser Leben – dank News Feeds auf unsere Handys.

Das Einzige, was Kinder und Jugendliche von heute scheinbar kontrollieren können, ist ihr Körper. Doch Social Media befeuert tägliche neue Trends zum Thema Aussehen, Nahrung und Optimierung: Looks Maxxing, High Protein, Low Carb, Cold Plunge, Sleep Tracking – kurz gesagt: jegliche Form von Bio-Hacking, also die gezielte Selbstoptimierung von Körper und Geist durch kleine, alltägliche Veränderungen in den Bereichen Schlaf, Ernährung und Technik, dringt in alle Lebensbereiche – und macht noch mehr Druck.

Als ich so alt war wie meine Kinder jetzt, habe ich (weil alle das tragen wollten), meine Mutter um eine weiße Levis-Jeans angefleht (der allmächtige Modegott möge mir im Nachhinein meine Jugendsünden verzeihen!). Ewig lag ich ihr in den Ohren deswegen, bis sie tatsächlich mit mir eine Jeans für teures Geld besorgte. Der Clou war, dass sie mir am nächsten Tag schon nicht mehr gefiel (dieser Schnitt! Und weiß! Wie unpraktisch – wenn du jeden Patzer sofort siehst…) Meine Mutter möge mir ebenfalls diese Jugendsünde verzeihen – ich schäme mich tatsächlich immer noch dafür, dass ich sie anbettelte und das Teil dann nie trug. Was musste sie sich bloß über mich gedacht haben?   

Heute bestellen meine Kinder sowohl Kleidung als auch Schuhe online. Über Streamingdienste ist jeder Song sowie Film sofort verfügbar – so wie alles andere ebenso. Außer emotionale Sicherheit. Außer wahre Geborgenheit. Außer intrinsische Freude.

Heute kann man sich online für ein Studium inskribieren – ich bin dafür noch mehrere Stunden an der Hauptuni in Wien angestanden – und weil mir ein relevantes Dokument fehlte, am nächsten Tag gleich nochmal.

❤️ Wie war dein Leben, als du so alt warst wie deine Kinder bzw. die nachkommende Generation?

Bei autobiographischen Schreibwerkstätten gebe ich übrigens gern die 100 Wörter des 20. Jahrhunderts als Impuls – vielleicht auch für dich eine Schreibanregung, um Erinnerungen aufzustöbern?
Hier findest du die Auflistung von Aids bis Wolkenkratzer zum Eintauchen.

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