Sieben Schreibstrategien für stürmische Zeiten

Wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, gibt es da einiges, das uns den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Die Entwicklungen der letzten Monate lassen alles derart brüchig und unvorhersehbar erscheinen, dass viele Menschen emotional zerbrechen und sich am liebsten nur noch zuhause einigeln wollen.

Doch das muss nicht sein! Dein Leben ist da, um von dir gelebt zu werden – und zwar in voller Fülle und mit allen verfügbaren Möglichkeiten!

Daher verrate ich dir heute sieben Schreibstrategien für stürmische Zeiten – damit du im Wirbelsturm einen Anker setzen kannst.

1. Fokus auf die Fülle

Sobald wir uns darauf konzentrieren, in welcher Fülle wir leben dürfen, werfen uns äußere Umstände nicht mehr so leicht um!

Diese Schreibübung lädt dich zu einem bewussten Perspektivwechsel ein: Richte deine Aufmerksamkeit auf das, was in deinem Leben grundsätzlich vorhanden und tragend ist. Es geht weniger um einzelne schöne Momente des Tages, sondern um ein tieferes Wahrnehmen von Versorgung, Möglichkeiten und Ressourcen.

Schreibend kannst du erforschen:
Was trägt mich in meinem Leben?
Welche Sicherheiten sind da?
Worauf kann ich bauen?
Was steht mir zur Verfügung?

Beginne gern bei den Grundlagen: ein geschützter Wohnraum, Nahrung, Zugang zu Wasser, Menschen an deiner Seite, Fähigkeiten, Erfahrungen, innere Stärke. So entsteht ein Bewusstsein für die Fülle, die oft selbstverständlich geworden ist. Diese Haltung kann helfen, Mangeldenken zu lockern und das eigene Leben stabiler, reicher und getragener wahrzunehmen.

2. Morgenseiten

Die Morgenseiten nach Julia Cameron sind ein geniales Tool für emotionales Entladen und mentale Klärung einer Ist-Situation (ich nenne es auch gern „Auskotzen auf Papier“). Der ganze Ärger, Frust, Sorgen dürfen in dein Notizbuch und alles ist erlaubt. Idealerweise schreibst du gleich nach dem Aufstehen und fragst dich: Wie geht es mir heute?

Du kannst jammern und Frust schieben, so viel du willst – wichtig ist, dass du am Schluss der Morgenseiten mit einem zukunftsorientierten Impuls aus dem Jammermodus rauskommst.

Bewährt sind Fragen wie:
Was ist heute wirklich wichtig?
Was will ich heute erledigen?
Was kann ich tun, damit ich einen guten Tag habe?

3. Dankbarkeitsjournal

In einem Dankbarkeitsjournal (oder in deinem normalen Notizbuch) kannst du Momente, Menschen oder Erfahrungen festhältst, für die du dankbar bist. Schon wenige Einträge pro Tag helfen dabei, den Blick bewusster auf Positives und Stärkendes im Alltag zu lenken.

Nimm dir täglich – idealerweise abends – ein paar Minuten Zeit. Schreibe drei Dinge auf, die dir heute Freude gemacht haben, dich berührt oder unterstützt haben. Das können große Ereignisse sein oder auch kleine Augenblicke wie ein gutes Gespräch, Sonnenlicht am Fenster oder eine Tasse Tee in Ruhe.

Mit der Zeit stärkt diese Praxis Achtsamkeit, Zufriedenheit und den Zugang zu eigenen Ressourcen, weil du neuronal auf eine positivere Wahrnehmung „umprogrammiert“ wirst.

4. Das Gedanken-Entwirren (Brain Dump)

Brain Dump ist eine Schreibstrategie, bei der du ungefiltert alles, was dir im Kopf herumschwirrt, aufs Papier bringst – ohne Struktur, Bewertung oder Ziel. Ziel ist mentale Entlastung und Zugang zu tieferliegenden Gedanken. Setze eine Leitfrage wie „Was beschäftigt mich gerade wirklich?“ oder „Was macht mir gerade am meisten Sorgen?“
Schreib dir zehn Minuten lang alles von der Seele, lies das Geschriebene nochmal durch und markiere Wörter oder Passagen, die dich anspringen. Schreib in der Resonanz einen Vierzeiler, der mich „Ich kann heute …“ beginnt.

5. Dialogisches Schreiben

Am besten gehst du für diese Übung in den Wald und lässt dich von einem Zweig oder anderem Naturgegenstand finden. Das können auch Steine oder Muscheln vom letzten Urlaub sein. Dann nimmst du diesen Gegenstand in die Hand und befühlst ihn zuerst, bevor du schreibend in den Dialog gehst. Berichte dem Naturgegenstand alles, was dir derzeit auf der Seele liegt – und lausche aufmerksam auf die Antworten, die er dir gibt …

Lies dir den Dialog nochmal durch und schreibe die wichtigste Botschaft deines Gesprächsgegenstands auf!

6. Dein Journal als (Welt-)Archiv

In diesem Fall wenden wir uns der Welt, so erschreckend sie momentan ist, direkt zu. Nimm die aktuellen Nachrichten bewusst in dein Journal auf: Schreib darüber, welcher Politiker wen wann und wo getroffen hat, welches Unglück welches Land erschüttert hat oder welches Ultimatum erneut gebrochen wurde. Vor allem, wenn du autobiographisch schreibst, können dir diese Notizen später wertvolles Material bieten, das du weiterverarbeiten kannst.

Wenn du willst, kannst du auch Schlagzeilen ausschneiden und zu einer Textcollage kleben.

7. Brief aus der Zukunft

Dein zukünftiges Ich hat vieles von dem schon erlebt, überstanden, gewagt oder auch losgelassen, worüber du heute vielleicht noch grübelst oder bei dem du zögerst.

Lass dir von deinem zukünftigen Ich einen Brief schreiben: Welchen Rat würde es dir für die aktuelle Situation mit auf den Weg geben?

Lies den Brief nochmal durch und markiere dir die wichtigsten Stellen. Vielleicht erkennst du darin eine Wahrheit, die dir heute Orientierung gibt. Notiere die wichtigste Erkenntnis – am besten hängst du sie gut sichtbar für dich auf.

Schreiben als Praxis

Etabliere tägliche, kurze Schreibroutinen – und nimm sie ebenso wichtig wie das Putzen deiner Zähne! Als Schreibzeit empfehle ich zehn bis fünfzehn Minuten. Achte darauf, diese Zeit einzuhalten – besonders, wenn du noch wenig Schreiberfahrung hast. Längeres Schreiben kann anstrengend sein oder dich emotional an einen Punkt führen, der sich überwältigend anfühlt. Kurze Schreibzeiten haben sich bewährt, weil sie das Schreiben alltagstauglich machen und den inneren Druck reduzieren. Du schreibst keinen Jahrhundertroman, sondern für dich – als Raum für Entwicklung und als Quelle innerer Kraft.

Wenn die Schreibzeit vorbei ist, kannst du zum Abschluss eine zentrale Erkenntnis oder ein Resonanzwort notieren. Atme dann tief durch, lächle dir selbst zu und bedanke dich bei dir für dieses bewusst geschenkte Stück Zeit. Ich wünsche dir eine bereichernde Entdeckungsreise zu dir selbst: zu deinen Bedürfnissen, deinen Wünschen und zu einer gestärkten Wahrnehmung der dich umgebenden Welt.

Zusätzlich zum regelmäßigen Schreiben kann dir Bewegung in der Natur, Museumsbesuche, Gespräche mit guten Freund*innen und eine sinnvolle Tätigkeit (z.B. Ehrenamt) helfen, besser mit den Geschehnissen draußen (die wir nicht kontrollieren können) umzugehen.

Solltest du merken, dass es dir momentan wirklich schlecht geht, hol dir unbedingt professionelle Hilfe!

Viele stärkende Schreibübungen findest du auch in meinem Buch „100 Schreibglücksmomente im punktgenau Verlag. In meinen Workshops findest du ebenfalls Erdung im Schreiben – probier es mal aus!

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